Interview: Christian Pfeifer, 09|2020

 

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„Wir brauchen mehr Zeitvielfalt“

Jonas Geißler nennt sich einen Zeitraumgestalter. Er ist Gründer und Teilhaber von timesandmore – Institut für Zeitberatung in München und Mitautor des Buches „Time is honey: Vom klugen Umgang mit der Zeit“.

 

SWZ: Herr Geißler, was tut ein Zeitraumgestalter?
Jonas Geißler: Ich habe lange gebraucht, um meinen Kindern die Frage zu beantworten, was ich beruflich eigentlich mache. Nun, ich gestalte – meist in Unternehmen und Organisationen – Zeiträume, in denen über Dinge geredet wird, über die sonst nicht geredet würde, entweder weil sie in der operativen Hektik untergehen oder weil sie tabu sind.

Sie sorgen also dafür, dass sich die Menschen (Zeit-)Raum freischaufeln, um über wichtige Dinge zu reden.
Genau. Es sind Zeiträume, die ohne mich eher unwahrscheinlich wären. Das Ergebnis sind Inhalte, die ohne mich nicht entstehen würden …

… eben weil wir im Berufsleben, aber nicht nur dort, unter chronischer Zeitnot leiden. Ist Zeitnot in unserer westlichen Gesellschaft zum größeren Problem geworden als materielle Not?
Ganz ohne materielle Not sind wir nicht, denn der Wohlstand ist ungleich verteilt. Aber im Vergleich zu früheren Gesellschaften hat sich die materielle Not verringert, das stimmt. Unser Geld- und Güterwohlstand ist schlicht durch Zeitnot erkauft. „Zeit ist Geld“ lautet ein geflügeltes Wort, das viel über das gewandelte Zeitverständnis aussagt. Früher wäre niemand auf die Idee gekommen, Zeit zu messen und in Geld zu verrechnen. Das hat erst vor 600 Jahren begonnen. Mittlerweile ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, uns nicht an der Ereigniszeit zu orientieren, sondern an der Uhrzeit.

Das müssen Sie erklären.
Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Einst bekam der Tischler den Auftrag, einen Tisch in einer gewissen Qualität zu fertigen, und er brauchte dafür, wie lange er halt brauchte. Das ist Ereigniszeit. Heute muss der Tischler den Tisch innerhalb einer gewissen Zeit produzieren, und auch das wird noch optimiert, weil Zeit eben Geld ist.

Aber wir leiden nicht nur im Beruf, wo es um Geld geht, an Zeitnot, sondern auch in der Freizeit – und das, obwohl wir im Schnitt weniger Zeit bei der Arbeit verbringen als die Generationen vor uns. Wollen wir zu viel?
Die Zeit, die wir für die Erwerbsarbeit aufwenden, ist statistisch tatsächlich weniger geworden. Sogar über die Viertagewoche wird schon diskutiert. Aber das ist nur die Erwerbsarbeit. Uns wird auch darüber hinaus viel Arbeit abverlangt, Kindererziehung, Pflege, Haushalt, Einkäufe, Bankgeschäfte … Dazu kommt, dass wir für die verfügbare Zeit einfach mehr Optionen als die Generationen zuvor haben. Die Vielzahl an Möglichkeiten verleitet uns dazu, mehrere Leben in einem leben zu wollen. Das Paradoxe ist, dass wir uns davon ein erfülltes Leben versprechen, aber ein gefülltes Leben erhalten. Die Zeit rinnt uns durch die Finger, weil wir das bewusste Genießen des Augenblicks opfern.

Wir wissen um die Bedeutung der Muße für unsere Kreativität und Leis- tungsfähigkeit. Warum verhalten wir uns wider besseres Wissen anders?
Erstens hat das mit unserer kulturellen Prägung zu tun. Müßiggang wird mit Zeitvergeudung gleichgesetzt und hat ein schlechtes Image: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Zweitens stehen wir ständig im Wettbewerb, und sei es nur der Wettbewerb um Follower in den Sozialen Medien – das zerstört zwangsläufig nicht-aktive Zeiten.

Es lässt sich nun mal nicht ändern, dass der Wettbewerb knallhart ist – zum Beispiel jener um Marktanteile, Umsatz und Kund*innen.
Die spannende Frage ist, ob wir wirklich immer getrieben sein müssen. Vielleicht wäre gutes Timing besser als bloße Schnelligkeit: Das neue Produkt oder die Innovation muss im rechten Moment kommen. Der ungeschriebene Code in vielen Unternehmen lautet, dass beschäftigt und aktiv sein muss, wer ein gutes Teammitglied sein will. Das verhindert, dass jemand mal die Füße auf den Schreibtisch legt und einfach nur nachdenkt – abgesehen davon, dass auch gestresst tut, wer gar nicht gestresst ist. Und dann wundern sich die Chefs, warum die Innovationsrate sinkt und die Krankheitsrate steigt.

Haben wir ein gestörtes Verhältnis zur Zeit?
Wir haben ein einseitiges Verhältnis, und es müsste unser Bestreben sein, ein vielfältiges Verhältnis zur Zeit wiederzuerlangen. Es muss nicht alles wieder langsamer werden. Es gibt viele Vorteile von Geschwindigkeit, aber die einseitige Konzentration auf Tempo bringt Nachteile. Ähnlich wie sich Ökosysteme durch Biodiversität stabilisieren, tun dies soziale Systeme – und dazu gehören Unternehmen – durch Zeitvielfalt. Es genügt, dem Bedürfnis der Menschen nach Aktivität und Regeneration zu folgen. Die Raucherpausen sind da ein recht gutes Instrument, es ist nur blöd, dass man dabei rauchen muss.

Was halten Sie von Zeitmanagement?
Zeitmanagement ist für mich Effizienz- und Beschleunigungsmanagement – also das Bestreben, in der gleichen Zeit mehr Wert zu schöpfen. Ich kreide dem Zeitmanagement an, dass es nicht nach den Ursachen für Zeitprobleme forscht und daher oft als Brandbeschleuniger wirkt.

Inwiefern?
Wenn Zeitmanagement die Lösung ist, was ist dann das dazugehörende Problem? In gewissen Situationen sind klassische Zeitmanagementwerkzeuge tatsächlich hilfreich. Manchmal brauchen Menschen und Unternehmen aber nicht noch mehr Strukturierung, sondern einfach Zeitvielfalt, um erfolgreicher und zufriedener zu werden.

Müssen wir beginnen, über Zeitwohlstand zu reden, um unsere Lebensqualität zu verbessern?
Glücklicherweise rückt die Frage, wie wir Wohlstand messen sollen, immer mehr in den Fokus. Langsam kommen Zweifel auf, ob das Brut- toinlandsprodukt dafür genügt. Das Gemeinwohl, aber auch der Zeitwohlstand gehören genauso zu einer guten Gesellschaft und zu Zufrie- denheit.

Wie wichtig ist Selbstbestimmtheit für den Zeitwohlstand? Oder anders: Hat weniger Zeitnot, wer sich die Arbeits- und Freizeit selbst einteilen kann, statt fremdgesteuert zu werden?
Selbstbestimmtheit eröffnet die Rahmenbedingungen, ist aber keine Garantie. Vielmehr entsteht daraus ein Qualifizierungsbedarf, wie uns die Corona-Situation vor Augen geführt hat. Bei manchen Menschen führen Homeoffice und flexible Arbeitszeiten zu einer Steigerung der Lebensqualität, manche andere leiden unter der Entgrenzung von Arbeit und Freizeit und beuten sich vermehrt selbst aus.

Apropos Corona: Viele dauergestresste Menschen haben das völlig neue Zeitgefühl während des Lockdown genossen, so ganz ohne Frei- zeitstress. Wird uns diese Pandemie einen neuen Umgang mit der Zeit lehren – oder werden wir in alte Muster zurückfallen?
Die Gesellschaft scheint mir eher auf dem schnellen Weg zurück zum gewohnten Beschleunigungsmuster. Individuell dürften die gemachten Erfahrungen sehr wohl das Bewusstsein für die Zeit schärfen. Manche Menschen haben die Entschleunigung positiv erlebt, andere hingegen haben festgestellt, dass das Leben vor Corona so schlecht gar nicht war. Immer öfter wird die Frage gestellt, was ein gelingendes Leben ausmacht, und Corona hat diese Entwicklung beschleunigt. Wo, wie und mit wem wollen wir unsere Zeit verbringen? Da sind wir bei Lebensfra- gen angelangt.