Zeitforscher haben dieser Tage eine neue Zeitform entdeckt. Mit etwas Glück ist sie auf den Spielfeldern der aktuellen Fußballweltmeisterschaft zu beobachten: die Torschusspanik.

Dank des neuen Schiedsrichter-Kollegen, dem Video Assistant Referee (VAR), zeigt sich diese scheue Zeitform unverhofft im Spielverlauf und bringt einigen Wirbel in den Ablauf des Spiels. Bisher ist Fußball dafür bekannt, dass Entscheidungen auf dem Spielfeld innerhalb von Sekunden-Bruchteilen getroffen werden. Geschwindigkeit und Timing sind das Gebot der Stunde. Jede nichtbeschleunigte und damit in der Fußballlogik „wertlose“ Zeit (Verletzungen, Diskussionen, Torjubel, etc.) wird am Ende des Spiels als Nachspielzeit angehängt. (Wobei aus Zeitforschersicht natürlich äußerst fraglich ist, ob man Zeit überhaupt nachspielen kann).

Umso bemerkenswerter ist es, dass eine völlig neuartige Unterbrechung des Spielverlaufs in Erscheinung tritt. Der VAR sorgt, so die viel diskutierte Absicht seiner Befürworter, für ein Mikro-Moratorium im Entscheidungsprozess. Er ist die manifestierte Anerkennung, dass Entscheider für Entscheidungen Zeit brauchen. Zeit zum Abwägen, Beobachten, Analysieren, Reflektieren. Diese Zeit wird für alle andere zur Wartezeit. Beobachtet man die Reaktionen von Spielern, Trainern, Fans und Kommentatoren währenddessen, so kann man durchaus von Torschusspanik sprechen.

Eindrücklich war das bei dem Spiel Spanien gegen Iran am 20.06.2018 zu beobachten.
Beim Spielstand 1:0 für Spanien brachten es die Iraner in der 62. Minute fertig, den Ball über die spanische Torlinie zu befördern. Ein erster Jubelausbruch endete nach wenigen Sekunden mit bangem Blick auf die erhobene Hand des Schiedsrichters, die auf eine gründliche Prüfung der Torentscheidung durch den Videokollegen hinwies.

 

 

Ganze 15 Sekunden wurden uns geschenkt. 15 kostbare Sekunden, die mit einem Mal ein ganzes Feuerwerk an unterschiedlichen Emotionen Raum gaben. Es wurde gehofft und gebangt, gezaudert und gezögert, diskutiert und geschwiegen, verzweifelt und verflucht. Dem Fußball, der ja für seine Emotionalität bekannt ist, wurde ein weiteres Spannungselement hinzugefügt.

 

 

Die Zukunft wird zeigen, ob wir lernen, mit diesem Zeitgeschenk umzugehen. Eine wahre Herausforderung wäre es, diese Zeit als Zeit des Erwartens und des produktiven Nichtstuns zu genießen. Ein weiser Trainer würde den dafür benötigten Kompetenzerwerb in seinem Trainingsplan berücksichtigen.

Die Realität wird aber vermutlich anders aussehen. Folgt sie der üblichen Verwertungslogik des Marktes, wird bald das zusätzliche Kapitalisierungspotential der Torschusspanik erkannt. Es wird nicht lange dauern, bis der erste Mobilfunkanbieter oder Brausehersteller auf die Idee kommt, die geballte Aufmerksamkeit dieser Zeitspanne für sich zu nutzen – nach dem Motto: „Ob das Tor gültig war oder nicht erfahren sie nach einer kurzen Werbepause!“

Solange dies nicht der Fall ist, können wir die neue Zeitform „Torschusspanik“ genießen und uns wieder einmal daran erinnern lassen, dass manche Entscheidungen ihre Zeit brauchen. Das gilt ja glücklicherweise nicht nur im Fussball.

Gute Unterhaltung wünschen,

Karlheinz Geißler
Frank Orthey
Jonas Geißler