Karlheinz A. Geissler, in “einfach leben,” 05/2021

 

 

Die Stunden der Kinder sind länger als die Tage der Alten

Beziehungen brauchen Zeit. Wenn wir die Zeit immer beschleunigen oder mit Zwecken zuschütten, können sie – und wir –
nicht gedeihen. In der besonderen Zeiterfahrung von Kindern und Alten liegt etwas, wovon alle lernen könnten. Jetzt.

Geordnete Lebensläufe – durchbrochene Zeiten

Unsere Gesellschaft ordnet Lebensläufe üblicherweise in zeitlichen Abschnitten. Das hat sie nicht schon immer getan. Die gängigste Ordnung ist die des Lebenszyklus nach Entwicklungsphasen. Wir unterscheiden: Kindheit – Jugend – Erwachsenenal- ter – Rentenalter, und mit Blick auf Fa- milienkonstellationen: Kinder – Eltern – Großeltern. Dass die Familie heute aus drei Altersgenerationen besteht, ist historisch gesehen ziemlich neu. Eine sichtbare Rolle in der Familie spielen Großeltern erst seit dem 19. Jahrhundert. Seit Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist dies, auch da die Lebenserwartung deutlich gestiegen ist, annähernd zur Normalität geworden. Nahezu 90 Prozent der Kinder in Deutschland haben heute bei ihrer Geburt Großeltern, die sie als Teil der Familie bei ihrer Entwicklung als Bezugspersonen begleiten. Andererseits sind Enkelkinder für Großeltern eine nicht zu unterschätzende Gelegenheit, Kontakt zur kindlichen Zeitwelt zu finden, und zwar in doppelter Hinsicht: Zum einen finden Großeltern durch ihre En- kelkinder Zugang zu kindlichem Zeitempfinden und dem Zeitverhalten von Kindern. Zum anderen öffnen Enkelkinder den Zugang zu Erfahrungen aus der eigenen Kindheit und beleben Zugänge zu jenem Kind, das man selbst einmal war und immer noch ist.

Befreit von der Tyrannei der Uhr: Zeit ist nicht Geld

Gemeinsam sind Kindern und Großel- tern, jene vor allem, die das aktive Berufsleben hinter sich haben, Zeiterfahrungen für die der Geldwert keine oder nur eine nachgeordnete Rolle spielt. Für Kinder stellt das Aufwachsen mit Großeltern auch deshalb eine Bereicherung dar, weil sie eine Entlastung von den Zeitansprüchen der erziehenden Eltern möglich machen. Für Großeltern sind Enkelkinder häufig eine Bereicherung, weil sie ihnen Alternativen zu jenem nutzenmaximierenden Zeithandeln aufzeigen, das sie aus der Arbeitswelt mitgebracht haben. Großeltern und Vorschulkinder dürfen ungestraft ihre Teilnahme am alltäglichen Kleinkrieg um Zeitgewinne verweigern. Sie sind von der Tyrannei der Uhrzeit befreit. Diese für die Kinder „frühe“ und diese für die Großeltern „späte“ Freiheit verbindet sie in inniger Solidarität.

Großeltern, die ihren Enkeln zuhören, mit ihnen spielen, schmusen und ihnen ohne Zeit- und Leistungsdruck begegnen, profitieren davon, dass Eltern ihren Kindern dies nur sehr dosiert bieten können. Der kindliche spontanflexible Umgang mit Zeit kollidiert mit der verplant-verzweckten Zeitorganisation von Eltern. Aus deren Sicht „verschwenden“ Kinder viel kostbare Zeit. Sie werden oft als „Beschleunigungsbremsen“ erlebt. Daher gehören befehlsähnliche Aufforderungen wie: „Beeil dich!“ und „Mach schnell!“ zu den meist gebrauchten Ermahnungen in der Eltern-Kind-Kommunikation. Dies wiederum veranlasst die Kinder dann mit einem untrüglichen Sinn für erfolgreichen Widerstand, ihr Trödeln zu intensivieren. Während Eltern bei ihrer Erziehung oftmals Wert auf die Einübung eines berufsfördernden Zeitverhaltens legen (der Erziehungsauftrag verlangt, die Kinder zu gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten zu entwickeln), sind Großeltern oftmals Vorbild für einen Umgang mit Zeit jenseits der Uhrzeit-imperative. Großeltern, die nicht mehr am aktuellen Berufsleben teilnehmen, lassen Enkelkinder erfahren, wie produktiv und attraktiv ein spielerischer, beschaulicher und zeitverschwenderischer Umgang mit Zeit ist: wenn die Großmutter mit dem Enkelkind auf dem Schoß Märchen erzählt, Bücher vorliest und in Fotoalben blättert und der Zeitzeuge Großvater als „weiser Welterklärer“ von dem hinter ihm liegenden Leben erzählt.

 

Wenn die Zeiten Farben haben

Eher und besser als die Lebenssituation der Eltern lässt die Lebenswelt der Großeltern es zu, dem kindlichen Zeiterleben und Zeitempfinden zu folgen. Das kommt nicht den Kindern allein zugute, das befreit auch die Großeltern von ihren Ansprüchen, der sozialen Mitwelt ihren Wert, ihre Tüchtigkeit und ihre Vitalität unter Beweis stellen zu müssen. Kurzum, das Spiel mit den Enkelkindern lehrt die Großeltern produktive, lustbetonte und zufrieden machende Zeitverschwendung bei der die Schnelligkeit ihre Zeit haben darf und die Langsamkeit ihre Zeit haben darf, das Trödeln und Bummeln ihre Zeiten haben und das Rennen und Eilen ebenso. Für Kinder sind die Zeiten farbig zumindest so lange, wie es sie nicht interessiert, wieviel Uhr es ist. Erwachsene wissen immer wieviel Uhr es ist. Die Farben der Zeit, über die Kinder ihnen etwas erzählen könnten, kennen Erwachsene jedoch nicht. Die sechsjährige Lou, der die fiktive Einheitszeit der Uhr so fremd wie Feinschmeckern die Kinderliebe fürs Ketchup ist, bringt es auf den Punkt: „Die Zeit ist blau, kannaber auch grün sein. Am Mittwoch ist sie grün und am Sonntag ist sie blau und am Donnerstag ist sie rot, Freitag ist sie gelb, Montag ist keine Zeit, am Dienstag ist sie weiß, dunkles Weiß.“ Für das Zeitverständnis Erwachsener sind das naive Aussagen, und doch sagen sie mehr, als die Uhr jemals erzählen kann.

„Gesparte Zeit“ – keine gute Altersvorsorge

Aus diesen Gründen können zwar Großeltern und Enkelkinder Freunde sein, Eltern und Kinder aber nicht. Großeltern dürfen mit Kindern trödeln, Eltern hingegen mahnen sie, dies nicht zu tun. Das Zeitleben der Eltern wird vom pedantischen Gang der Uhrzeiger, von Terminen, Fristen und Zeitplänen diktiert. Das der Kinder und der Großeltern hingegen von der Gegenwart des aktuellen Geschehens, der Momente und der Augenblicke die, sagt uns Goethe, Bedingungen für ein reich erfülltes Dasein sind. Kinder, gemeint sind diejenigen, die die Uhr noch für ein Spielzeug halten, haben ein „königliches Verhältnis zur Zeit – nämlich keines“, meint der große Kinderversteher Erich Kästner. Erst wenn Kinder lernen, die Uhr zu lesen und dem Gang der Zeiger zu folgen verlieren sie ihren „königlichen“ Umgang mit Zeit und werden zu Knechten der Zahlenzeit. Die aus dem Berufsleben ausscheidenden in den Ruhestand wechselnden Großeltern müssen ihren Uhrzeitgehorsam wieder verlernen. Das tun sie spätestens, wenn sie mit Kindern spielen und dabei feststellen, dass die viele Zeit, die sie während ihres Arbeitslebens gespart haben, keine sehr vernünftige Altersvorsorge war.