Wer Weihnachten aufs weniger setzt, hat nach Meinung des Zeitberaters Jonas Geißler am Ende mehr davon. Wer Stress an Weihnachten vermeiden wolle, müsse sich überlegen, was wirklich wichtig sei. Leben finde immer nur jetzt statt.

Von: Christoph Peerenboom
22.12.2017

 

 

 

Was an der Vorweihnachtszeit macht denn vielen Menschen solchen Stress?

Es ist dann eine kollektive Auszeit in Sicht. Um die auch wirklich frei haben zu können geht das Gerenne los, möglichst viel noch erledigen zu wollen bis zu diesem Zeitpunkt. Und da werden noch E-Mails hin- und hergeschoben und dies und das noch schnell gemacht, dass es bloß nicht mehr auf meinem Schreibtisch, sondern lieber auf dem des Kollegen liegt.

Der ursprüngliche Sinn des Advents als Zeit der Besinnung, der Buße, der ruhigen Vorbereitung auf Weihnachten, der scheint sich ins Gegenteil verkehrt zu haben. Wie ist diese Entwicklung denn entstanden?

Die ist entstanden, weil wir den Wohlstand, den wir haben in unserer Gesellschaft dadurch erzeugen, dass wir Zeit in Geld verrechnen. Und wir verrechnen damit eine begrenzte Größe mit einer unbegrenzten. Aus Geld kann man immer noch mehr Geld machen. Das heißt, wir kommerzialisieren die  Zeit, wir haben viel davon, nämlich den besagten Wohlstand, aber was wir verlieren sind nicht-kommerzialisierbare Zeitformen, z.B. die Zeit der Stille und des Wartens, was ja der Advent eben eigentlich war. Warten ist in dieser Gesellschaft nur noch sinnvoll, wenn sie als Produkt daherkommt und das heißt dann „Schweigeseminar“ zum Beispiel.

Allerdings ist ja auch viel zu tun an Vorbereitungen: Es gibt in diesen Wochen z.B. besonders viele Einladungen zu Feiern – ist es vielleicht auch Einstellungssache, ob man das als Stress empfindet oder positiv?

Es ist auf jeden Fall Teil des Spiels. Auch so zu tun, als hätte man viel zu tun und wäre sehr gefragt und ist irgendwie in Action – damit sichere ich mir die Zugehörigkeit auch zu den erfolgreichen und gefragten Menschen in dieser Gesellschaft. Wenn man woanders hinguckt, wenn sie in die Justizvollzugsanstalt schauen und mit jemandem von dort ein Interview führen würden,  würde der über ganz andere Zeitthematiken reden.  Und im Pflegeheim ist es wahrscheinlich ähnlich.

Das heißt, wenn jemand sagt, er ist nirgendwo eingeladen zu keiner Advents- und Weihnachtsfeier und kauft keine Geschenke – dem geht’s auch nicht gut.

Genau. Das ist auch was Unattraktives, weil dann bin ich einsam und hock allein da und hab eben nichts zu tun und für niemanden was zu besorgen. Also die Tatsache, dass ich viel zu tun habe, hat eben auch was Schönes. Es ist ein sehr ambivalenter Zustand. Bei manchen geht es auch über die Grenze, da wird es dann zuviel, aber so ein bisschen Vorweihnachtsrausch ist durchaus akzeptabel und für viele Leute auch ganz attraktiv.

Und wie findet man diesen begehrten goldenen Mittelweg zwischen diesen Extremen? Wie ließe sich das entzerren in der Vorweihnachtszeit?

Einmal kann man es umdeuten, als Teil des Spiels nehmen und sich dann mit mehr Freude in den Vorweihnachtsrausch hinein begeben. Das ist aber manchmal auch leichter gesagt als getan, das geht sicher nicht in jeder Situation, und die Frage wäre, ob man nicht auch an die eigenen Ansprüche an Weihnachten herangeht . Häufig wird das so ein überstilisiertes Fest, es muss alles perfekt sein und es muss bloß harmonisch und bloß geruhsam  und bloß gemütlich sein, und dann kriegt das so eine Überstilisierung und macht eben einen riesen Druck. Der Sinn von Weihnachten, von Besinnung von einem Fest der Liebe lebt ja eher über Reduktion, über Weglassen, über Fokussierung  auf das Wesentliche. Das was zwischen Menschen stattfindet, die Liebe beispielsweise. Und da braucht man eigentlich gar nicht so viel Zeug dafür.

Sie haben gerade beschrieben, wie wichtig es für viele Menschen ist eben auch zu zeigen, dass man wahnsinnig eingespannt ist und vieles tut und dieses und das noch erledigt und erlebt – haben da auch die sozialen Medien einen Einfluss? Setzt uns das zusätzlich unter Druck?

Der Ökonomie der Aufmerksamkeit folgend wird wahrscheinlich eher die Action fotografiert und geteilt: sieh her, was ich grad mache, sieh her, was ich parallel noch mache usw. Paradox wäre es Momente der Stille und der Besinnung zu posten, weil indem ich sie poste, sind sie ja dann schon keine Momente der Stille mehr, sondern man könnte einen Wesentlichen Teil davon einfach seinlassen! Also die Kraft des Seinlassens nutzen.

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