derStandard.at, 17.08.2017

Über einen bewussteren Umgang mit der Zeit hat der
renommierte Wissenschafter und Zeitberater Karlheinz Geißler
ein Buch geschrieben.
„Die Zeit geht nicht schneller als früher, wir laufen nur eiliger an
ihr vorbei“, schrieb der Schriftsteller George Orwell.
Tatsächlich könnten Menschen heute mehr Zeit haben – die
Lebenserwartung steigt, es wird weniger gearbeitet,
Transportwege verkürzen sich. Nicht zuletzt auch dank digitaler
Geräte könnte man vieles schneller und problemloser erledigen.
Gleichzeitig sagt in Umfragen eine Mehrheit, dass sie das
Gefühl hat, keine Zeit zu haben. Die Reaktion: sich selbst und
sein Leben immer weiter zu beschleunigen, immer mehr
Aktivitäten in einen Tag zu packen.
Das sei widersprüchlich und sonderbar, sagt der deutsche
Zeitforscher Karlheinz Geißler – er ist der Meinung, dass wir es
auch ganz anders machen könnten. Wie genau, darüber hat er
gemeinsam mit seinem Sohn Jonas Geißler, Trainer und
Zeitberater, ein Buch veröffentlicht: „Time is honey“. Es soll den
Weg zu „besseren Zeiten“ aufzeigen.
Was bessere Zeiten sind? Jene, „in denen die Schnellen nicht
die Besseren und Erfolgreicheren und die Langsamen nicht die
Verlierer sind“. Insofern kann das Buch also als eine Art
Anleitung zur Langsamkeit, zum bewussteren Tun und vor allem
auch Lassen verstanden werden. Ein Ratgeber, wie es wieder
möglich werden soll zu genießen. Neben ausführlichen
theoretischen Abschnitten – von der Kritik am Zeitmanagement
bis zu derzeitigen kulturellen und wissenschaftlichen Konzepten
– finden sich in den 254 Seiten auch Anregungen für den Alltag.
Ein Auszug:

Zeitoasen schaffen

Man solle sich immer wieder einmal Zeit für die Zeit schaffen,
schreibt Geißler – gemeint ist eine möglichst störungsfreie
Atmosphäre. „Versuchen Sie, auf Distanz zu Ihren
Zeitvorstellungen zu gehen.“ Das könne durch
Selbstbeobachtung geschehen, in der Badewanne, beim
Waldspaziergang. Aber auch im Gespräch mit Freunden. Wer
hat welches Bild von Zeit?

 

Die Uhr abnehmen

Uhren „trägt man nicht, man erträgt sie nur“, meint Geißler. Sein
Argument: Uhren erzeugten einen wahrgenommenen
Zeitmangel überhaupt erst. Daher empfiehlt der Zeitforscher,
einmal täglich zu prüfen, wie oft man auf die Uhr schaut und bei
welchen Gelegenheiten. Dann gelte es, einen Tag pro Woche
ohne Uhr aus dem Haus zu gehen. „Sie werden sehen, nach
und nach verbessert sich Ihr Zeitgefühl“ – und es gelinge wieder
besser, die Dinge rundherum zu genießen. Ein weiterer Tipp ist,
nicht zu fragen, wie viele Minuten etwas gedauert hat, sondern
nach der Zeitqualität, also „was man in dieser Zeit erlebt oder
erfahren hat“.

 

Den natürlichen Rhythmus einhalten

Mehr vom Tag hätten jene, die ihren Tag entlang der natürlichen
Dynamik leben – Geißler nennt sie die „Zeitnatur“. Was man
wann braucht, lasse sich am besten in freien Zeiten wie am
Wochenende oder im Urlaub herausfinden.

 

Rituale und Routinen

„Schaffen Sie sich kleine Rituale, die dem Alltag Zeitstruktur
das warme Bett verlassen zu müssen. Da braucht es einige
Gewohnheiten, die einem helfen.“ Das könnten
Frühstücksrituale sein, die gewohnte Tasse Kaffee, die Lektüre
einer Tageszeitung. „Am Ort der Arbeit kann es dann
weitergehen mit dem Zehn-Uhr-Espresso.“
Aber nicht alles sollte durchgeplant werden. Geißler: „Ein Tipp:
Organisieren Sie Ihren Alltag wie einen Emmentaler Käse: mit
festen Strukturen (unter anderem Ritualen und Terminen) und
mit nicht allzu wenigen Löchern (in denen Sie die Zeit auf sich
zukommen lassen).“

 

Zwischenzeiten nutzen

Auch sogenannte Zwischenzeiten – den Arbeitsweg, die
Kaffeepause – gelte es zu nutzen, sagt Zeitforscher Geißler.
Denn sie brauche man, um sich auf das einzustellen, was
danach kommt. Das gelinge zum Beispiel, indem man mit dem
Rad und nicht mit dem Auto in die Arbeit fährt. Schaffen könne
man sich auch Zeiträume, „in denen Sie dem Anspruch der
‚Sofortness‘ nicht nachkommen.“ In denen man etwa nicht mobil
erreichbar ist – und auch von anderen nicht erwartet, sofort auf
Nachrichten zu reagieren.
Regelmäßige Pausen „strukturieren den Alltag, schaffen
Orientierung und entlasten von Zeitentscheidungen“. Die
spontanen „dienen der Belastungsreduktion, der Erholung und
der Wiederherstellung der Arbeitskraft“, schreibt Geißler. In den
Pausen solle man tun, was man davor nicht getan hat. „Haben
Sie lange gesessen, stehen Sie auf, sind Sie viel gelaufen,
setzen Sie sich hin.“

 

Raum lassen für die Muße

Viele Erlebnisse und Erfahrungen passierten nur, wenn man
versuche, „sie nicht gezielt herbeizuführen“, sagt Geißler. „Es ist
ihre Unplanbarkeit, die ihre Attraktivität ausmacht. Das gilt für
die Liebe, und das gilt auch für die Muße und die Stunden des
Selbst- und Weltvergessens.“ Aber kann man Muße lernen?
Geißler gibt keine handfesten Tipps, aber Hinweise: „Verplanen
Sie nicht sämtliche Zeiten des Tages, lassen Sie Raum für
Offenes und Überraschendes.“ Oder: „Üben Sie sich im
Verschwenden.“ Und er hat sogar einen Musiktipp: „Feelin‘
Groovy“ von Simon & Garfunkel – „über die Annehmlichkeiten
des temporeduzierten Lebens und den Genuss der Dauer“.
Man könne auch eine Art „Let it be“-Liste erstellen, bei der man
sich am Abend notiere, was man am nächsten Tag sein lassen
will. Und: „Widerstehen Sie der Versuchung, die frei gewordene
Zeit irgendwie zu füllen, lassen Sie die Zeit auf sich zukommen.
Dann hat Muße eine Chance.“ (lib, 17.8.2017)

 

Zur Person
Karlheinz Geißler ist Zeitforscher und emeritierter Professor für
Wirtschaftspädagogik. Er ist Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für
Zeitpolitik und leitet ein Institut für Zeitberatung.

Zum Buch
Karlheinz A. Geißler, Jonas Geißler: „Time is honey. Vom klugen Umgang
mit der Zeit“. Oekom-Verlag, München 2017. 254 Seiten

 

Link zum Originalartikel