von Jonas Geißler, Oktober 2017

 

Wir haben nicht zu wenig Zeit. Wir haben zu viel zu tun. Fangen wir an, es sein zu lassen!

 

„Jonas Geißler, 38, Münchner Zeitforscher, rät dazu, mehr vermeintlich wichtige Dinge im Leben wegzulassen. „Wir sollten also wieder lernen, Dinge zu verpassen, “ sagte er der Rheinischen Post. „Dafür eignet sich eine Let-it-be-Liste anstatt der berühmten To-do-Liste. Auf die schreibt man auf, was man alles weglassen wird.“
Süddeutsche Zeitung, Rubik „Leute“, am 7.8.2017

 

Die Medienresonanz auf diesen Beitrag war beachtlich. Vermutlich auch, weil in der Ferienzeit das Seinlassen ein recht anschlussfähiges Thema ist, um das mediale Sommerloch zu füllen. Ich habe mich kurzerhand entschlossen, das Seinlassen sein zu lassen und unzählige Radio- und Zeitungsinterviews gegeben. Die Reaktionen der Leser und Hörer waren gemischt. Von Zustimmung für die Kraft des Weglassens bis hin zu Beschimpfungen ob der Banalität einer solchen Liste. Doch offensichtlich birgt das Thema durchaus Irritations- und damit Lernpotential.

 

Die anderes Seite des Tuns ist das Nichttun – Let-it-be als Reaktion auf To-do
Mit Hilfe einer Let-it-be-Liste kann das Bewusstsein für die andere Seite der Unterscheidung geschärft werden, mit der wir tagtäglich operieren:  „machen/weglassen“. Mit jeder Entscheidung für etwas treffen wir gleichzeitig Entscheidungen gegen unzählige andere Dinge. Hinter jedem Element auf der eigenen To-do-Liste stehen ungeschriebene Tätigkeiten, auf der Let-it-be-Liste. Im Blick haben wir dabei meist  den oft unbegrenzt großen Berg an unerledigten Aufgaben. Die Gefahr bei dieser Perspektive: sie fördert Druck, Rastlosigkeit, mangelnde Selbstwirksamkeit und das Gefühl niemals fertig zu sein.

 

Die Kraft des bewussten Weglassens wird oft unterschätzt. Einer der erfolgreichsten Weglasser war Steve Jobs. Er hat dies einmal treffend formuliert:
„Viele Leute glauben, sich zu fokussieren bedeutet „Ja“ zu den Dingen zu sagen, auf die ich mich konzentriere. Aber das stimmt nicht. Es bedeutet „Nein“ zu den hundert anderen guten Ideen zu sagen, die es auch noch gibt. Ich bin genau so stolz auf die Dinge, die wir nicht getan haben, wie auf die Dinge, die wir getan haben. Innovation heisst „Nein“ zu tausenden Dingen zu sagen.“

 

Das bewusste Weglassen mit Hilfe der Let-it-be-Liste kann ein inspirierendes Werkzeug sein, um zu besseren Zeitentscheidungen, mehr Fokus und Selbstwirksamkeit zu verhelfen. Der geneigte Weglasser hat nicht länger nur die unerledigten Aufgaben im Blick, sondern richtet seine Aufmerksamkeit auf all jenes, von dem es sich zu befreien lohnt. Die Entscheidung für das Weglassen übt darin, eigene und fremde Ansprüchen und Erwartungen zu relativieren und Ressourcen besser einschätzen zu können. Sie öffnet das Tor zur Entlastung und zu mehr Klarheit für das rechte Maß.

 

Gleichzeitig ist die Let-it-be-Liste auch nur ein Werkzeug und ihre Wirkung hängt wie bei allen Werkzeugen von der Art und Weise der Benutzung ab. Ich plädiere dafür, sie mit einem inneren Schmunzeln einzusetzen. Eine Portion Humor und eine lustvolle Experimentier-Haltung erleichtert es, ins Ausprobieren zu kommen. Das Entlastende an der Let-it-be-Liste ist jedenfalls, dass alles was darauf steht, erledigt wird, in dem man es sein lässt. Meiner Erfahrung nach führt der Weg zu mehr Zufriedenheit, Souveränität und auch Produktivität im Umgang mit Zeit eher über das Lassen als über das Machen. Gerade in einer hoch beschleunigten Welt mit Möglichkeitsüberschüssen sind  Kompetenzen im Fokussieren, Verzichten, Ignorieren und Verpassen essentiell, um wirksam zu bleiben. Durch bewusstes Weglassen wird aus der Angst etwas zu verpassen – die Amerikaner haben hierfür den Begriff Fomo (Fear of missing out) geprägt – die Freude am Weglassen – die Jomo (Joy of missing out). Eine Begrenzung, die nicht als Mangel, sondern als Entlastung erlebt wird.

 

Wem dies alles zu abstrakt oder einfach nicht hilfreich erscheint, der kann gerne die Let-it-be-Liste auf sich selbst anwenden. Vielleicht entfaltet die Liste ja ihre größte Wirkung, in dem man sie einfach sein lässt.

 

Viel Freude beim Lassen!

 

 

 

P.S. Allen Beatles Fans ist ggf. eine andere Deutung geläufig. „Let it be“ kann nämlich nicht nur mit „lass es sein,“ sondern auch mit „lass es geschehen“ oder „nimm es hin“ oder „akzeptiere es“ übersetzt werden. Aus diesen Deutungen ergeben sich natürlich ganz andere und vielfältige Hinweise für den Umgang mit Zeit, durch die sich die geneigte Leserin und der geneigte Leser gerne auch inspirieren lassen können.