Karlheinz Geißler und Jonas Geißler sprachen in der „Fabrik Sonntag“ über die Zeit.

11.05.2017

 

 

 

 

WALDKIRCH (zg). Während früher die Menschen im Rhythmus der Natur lebten, kann heute von einer Verdichtung der Zeit gesprochen werden. Auf Einladung des Zentrumsmanagements der „Fabrik Sonntag“ referierten Karlheinz Geißler, emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik, und Jonas Geißler über die Veränderungen der Zeitordnung und deren Auswirkungen auf die Menschen.

Gastgeberin Margarethe Schmidt-Sonntag freute sich, in der Kulturkathedrale der Fabrik Sonntag etwa 80 geladene Gäste begrüßen zu dürfen. Die „Fabrikgespräche“ standen unter dem Titel „Time is Honey – vom klugen Umgang mit der Zeit“. „Zeit ist gar nicht knapp“, meinte Schmidt-Sonntag, „denn täglich kommt neue nach“.

„Der Ausdruck „time is money“ (Zeit ist Geld) hat uns möglich gemacht, dass wir über „time is honey“ (Zeit ist Honig) reden können“, eröffnete Karlheinz Geißler seinen Vortragsteil. Er unterschied drei Epochen: Die Vormoderne, symbolisiert durch die Erde als Scheibe, die Moderne, symbolisiert durch die Erde als Kugel, und die Postmoderne, symbolisiert durch die Erde als Netz. Von Epoche zu Epoche habe der Mensch das Zeithandeln verändert. „Zeit ist ein abstrakter Begriff“, verdeutlichte Geißler. In der Vormoderne hatte alles, was an Zeit vorstellbar war, einen Bezug zu Himmel, Erde und Natur. In dieser Zeit war der Mensch mit seiner Arbeit von der sich rhythmisch verändernden Natur abhängig. Deshalb wurde die Sonnenuhr erfunden. Diese ist eine reine Naturuhr und zeigt nur die schönen Stunden an. Davon habe man sich lösen wollen und deshalb die Räderuhr erfunden. Ironischerweise wurde die Uhr im Kloster erfunden. Seither sei Zeit ein leerer Begriff, der dann mit Geld kombiniert wurde – der erste Epochenwechsel fand statt. Die moderne Zeit war geprägt vom Takt. Die Schule wurde eingeführt, um aus rhythmischen Menschen vertaktete Menschen zu machen. Zeit wurde in Geld verrechenbar.

Wer Zeit hat, hat heute oft ein Rechtfertigungsproblem

Die Zeit konnte auch beschleunigt werden, was in den immer schneller fahrenden Eisenbahnen und Autos sichtbar wurde. Und die Menschen fingen an, über Zeit zu diskutieren. Schließlich konnte die Zeit nicht weiter beschleunigt werden: Es folgte die Verdichtung, sichtbar am Homeoffice. Der Epochenwechsel zur Postmoderne. Während Frau/Mann zu Hause arbeitet, betreut sie/er gleichzeitig das Kind. In dieser Situation müsse permanent über Zeit entschieden werden. Sowohl Zwänge aber auch Freiheiten nehmen zu. Die heutige Herausforderung sei, dies wieder in Balance zu bringen, sagte Karlheinz Geißler.

Jonas Geißler lenkte schließlich den Blick auf den heutigen Umgang mit der Zeit: auf die Menschen, die im Leben stehen und arbeiten. Dabei gehe es nicht um Zeitmanagement, sondern um Zeitberatung, wie gut und klug mit der Zeit umgegangen werde. In den vergangenen Jahren habe sich mit den Smartphones viel verändert. Der Slogan „no limits“ sei eine Übersteigerung der Zeit. Im Mittelalter sei ein Mensch in seinem gesamten Leben so vielen Menschen begegnet wie heute ein Mensch bei einer Fahrt mit der U-Bahn.

Heute gebe es viele Möglichkeiten, Zeit zu verbringen. Der Mensch brauche aber neben der aktiven Zeit auch die Auszeit, die Halbzeit und die Stillzeit. Das Internet kenne dies alles nicht, es schläft nie. Der Trend der Zeitverdichtung habe einen Gegentrend: Die Übersteigerung der Zeit sei der Grund, warum sich heute die Klöster wieder füllen, Achtsamkeitsseminare angeboten werden und vieles mehr. Es sei sehr attraktiv, keine Zeit zu haben, denn wer Zeit hat, habe ein Rechtfertigungsproblem. Die Angst etwas zu verpassen, sei weit verbreitet. Auch deshalb nehmen Belastungserkrankungen zu. Die Welt sei bunt, deshalb werde Zeitkompetenz gebraucht. Geißler empfahl, sich Zeit zu nehmen und über Zeit nachzudenken, die zeitliche Situation und die eigenen Zeitansprüche zu analysieren. Und den eigenen Rhythmus zur Grundlage zu machen und in Beziehung zu treten mit der Umwelt.

Geißler empfahl auch, Grenzen zu setzen, diese zu erkennen, einzuhalten und zu kommunizieren. Das sei vor allem am Anfang von Etwas ganz wichtig. Es müsse auch ein Maß für das Genug entwickelt werden, denn dann werde Verzicht zur Ressource und nicht zum Mangel. Die Antwort auf die Verdichtung der Zeit heiße: Auswählen, Verzichten und Fokussieren. Wenn die Ressourcenzeiten gelebt und gepflegt werden und zelebriert werden, schöpfe der Mensch daraus Kraft. Unternehmen empfahl Geißler, eine Zeitkultur und neue Organisationsformen zu entwickeln. „Wir müssen weg von der Zeit der Kontrolle, hin zur Zeit des Vertrauens“, sagte Geißler.

 

Link zum Artikel, Badische Zeitung

Hinterlasse eine Antwort