24.03.2017
Von Martina Scherf

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Je schneller die Welt sich dreht, desto mehr Menschen wollen raus aus dem Hamsterrad. Karlheinz Geißler und sein Sohn Jonas sind Zeitforscher – und so gefragt wie nie.

 

„Der Mensch hat nicht zu wenig Zeit, er hat nur zu viel zu tun“, da sind sich Vater und Sohn einig. Wer sich daher mit den beiden Geißlers per Mail verabreden will, muss darauf gefasst sein, nicht sofort eine Antwort zu erhalten – sie wollen nicht den gleichen Fehler machen, den sie bei anderen so oft diagnostizieren: sich von Verabredungen hetzen lassen.

„Ich mache grundsätzlich keine zwei Termine für einen Tag aus“, sagt Karlheinz Geißler und streicht sich über seinen weißen Bart. Und: „Pünktlichkeit ist eine überflüssige Erfindung.“ Das wäre also schon einmal geklärt. Der Professor sitzt am Esstisch in seinem gemütlichen alten Haus im Münchner Stadtteil Perlach. Auf dem Tisch ein Krug mit stillem Wasser. Gegenüber sitzt Sohn Jonas. Beide tragen keine Uhr. Weder in der Küche noch im Wohnzimmer hängt eine.

An diesem Sonntag wird die Zeit umgestellt . . . „so ein Quatsch“, entrüstet sich Karlheiz Geißler, „erstens wird nur die Uhr umgestellt, zweitens ist längst erwiesen, dass das nichts bringt.“ Und überhaupt: „Zeit als solche gibt’s ja gar nicht, sondern nur Zeiten, und was wir daraus machen.“ Er ist jetzt 72 und hat sich fast ein Leben lang mit der Geschichte der Zeit beschäftigt. Hat Vorträge gehalten und Bücher geschrieben. Hat Physiker und Philosophen befragt – und die Erkenntnis gewonnen: Wir tun gut daran, Zeit zu leben, anstatt sie zu sparen.

Geißler war 30 Jahre lang Wirtschaftspädagoge an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg. „In der Uni hat mir immer meine Sekretärin gesagt, wann die Vorlesung beginnt, und wenn die Studenten nervös auf die Uhr sahen, war eben Schluss“, erzählt er. Das machte die Sache mit der Pünktlichkeit einfach.

Schon früh hat er das Thema Zeit entdeckt. Wie fängt eine Unterrichtsstunde an, wie hört sie auf? Der Anfang ist das Wichtigste, sagt Geißler. „Ich habe dann systematisch Anfangssituationen untersucht und ein Buch darüber geschrieben“. Das verkauft sich bis heute, mittlerweile in der elften Auflage. „Fünfzehn Jahre später schrieb ich noch eines über den Schluss, aber das lief nicht mehr so gut,“ erzählt er mit einem Lächeln.

Anfang und Schluss – dazwischen liegt die Lebenszeit

„Kein Wunder“, wirft Jonas da ein, „du bist ein Schluss-Flüchter.“ Schon in seiner Kindheit hätten sie gemeinsam Lego-Raumschiffe konstruiert, „aber fertigbauen musste ich sie immer alleine“. Es gab anfangs auch keinen Fernseher im Hause Geißler, erzählt Jonas. „Ich kam in die Schule, alle redeten von Captain Future, und ich wusste nicht, wer das ist“. Stattdessen gingen Vater und Sohn regelmäßig ins Kino. „Das war doch wertvoller“, sagt der Vater, „allein der Anfang: Man geht in den Saal, es riecht nach Popcorn, dann wird es dunkel und still, der Vorhang öffnet sich, das waren schöne Vater-Sohn-Erlebnisse“. Stimmt, sagt Jonas.

Vom Garten scheint die Frühlingsonne herein. Anfang und Schluss – dazwischen liegt die Lebenszeit, und die sollte man mit Qualität füllen, möglichst jeden Tag, darin sind sich die beiden einig. Stattdessen muss heute immer alles schneller gehen. Wozu, fragt Karlheinz Geißler, sogar schon in der Schule? „Time is money, das kommt aus der Ökonomie. Aber in der Bildung kann ich Zeit nicht in Geld verrechnen. Da ist Zeit wertvoll, ich muss sie auskosten, um wirklich was zu erreichen.“

Dieses Hinterfragen hat abgefärbt, gibt Jonas zu. „Sich selbst durch so eine Brille zu beobachten, mit ein bisschen Witz und Ironie, das haben wir Söhne von klein auf gelernt.“ Genauso wie den achtsamen Umgang mit Zeit. Seine Töchter gehen auf die Waldorfschule. „Da haben die Kinder das ganze erste Jahr Zeit fürs Ankommen!“ Dass er selbst einmal Zeitberater werden würde, hatte Jonas Geißler allerdings nicht geplant. Er studierte Soziologie und Medienmanagement, interessierte sich für Film.

 

„Pädagogisch zu arbeiten, konnte ich mir nicht vorstellen“, sagt er. Doch dann sprach ihn ein Bekannter an, ob er nicht mal bei seinen Coaching-Seminaren reinschauen möchte. Es reizte ihn, er bildete sich weiter, stieg in die Firma ein und gründete später sein eigenes Unternehmen.

Dann ging der Vater in den Ruhestand, aber es landeten noch immer jede Menge Anfragen auf seinem Tisch zum Thema Zeit. Je schneller die Welt sich dreht, so scheint es, desto mehr Menschen wollen wissen, wie sie dem Hamsterrad entkommen können. So gründeten Vater und Sohn eines Tages ihr Institut „Timesandmore“. Seit zehn Jahren treten sie nun zusammen auf. Es ist erstaunlich, wer das Duo alles engagiert: der Verband der Transportbeton-Unternehmer. Krankenkassen.

Psychotherapeuten. Schweizer Banken. Lehrerfortbildungsakademien. Ihre Vorträge sind mit viel Ironie gespickt. Jonas: „Weißt du noch, wie wir in Trier waren? Die haben sich gebogen vor Lachen.“ Ja, sagt Karlheinz, „das waren angehende Altenpfleger“. Auch die leiden ja darunter, dass Zeit nur noch in Geld verrechnet wird, nicht in Qualität.

Karlheinz Geißler geht die Dinge immer mit Humor an, auch jetzt noch, da ihm gelegentlich die Beine versagen und er den Rollstuhl benutzen muss. Schon lange begleitet ihn seine Frau zu Vorträgen. Eine Kinderlähmung in jungen Jahren ist nie ganz verheilt. „Dass ich mich mit der Zeit beschäftige, hat sicher auch mit dieser Krankheit zu tun“, sagt er, „ich war als Kind sehr eingeschränkt, konnte nie beschleunigen wie andere.“

Früher, erzählt er, ging er einfach so früh zum Bahnhof, dass er auf jeden Fall einen Zug in die gewünschte Richtung erwischen würde. Wenn er heute mit dem Zug fährt, dann ist er immer mindestens eine Viertelstunde früher da. „Und trotzdem bist du noch immer sehr aufgeregt, weil du nicht beschleunigen kannst“, sagt Jonas.

 

Auch davon habe er etwas abbekommen, gibt der Sohn zu. „Ich versuche gegenzusteuern, aber das ist nicht einfach mit drei kleinen Kindern im Haus. Allein das Wecken am Morgen tut mir in der Seele weh. Wie schön wäre es, finge die Schule eine Stunde später an.“

Vor kurzem haben Vater und Sohn ihr erstes gemeinsames Buch veröffentlicht. „Time is honey“ (Oekom-Verlag), eine amüsante Geschichte der Zeit samt praktischen Auswegen aus dem Hamsterrad. Das Schreiben war eine Herausforderung, „da haben wir hin und wieder die Schmerzgrenze des anderen ausgetestet“, sagt Jonas Geißler und lacht.

Nicht nur, wenn der andere in den eigenen Text hineinredigieren wollte, sondern auch, „weil wir uns in verschiedenen Lebenssituationen befinden. Da ist auf der einen Seite der pensionierte Professor, doch eher ein Schreibtischtäter, der von oben auf das Ganze herabschaut. Und da bin ich, der Freiberufler mit drei kleinen Kindern, der in viel mehr Abhängigkeiten steckt.“

Jonas Geißler hält nicht nur Vorträge, er arbeitet als Coach in großen Unternehmen oder mit Privatleuten, „da geht es ganz konkret darum: Was kann ich tun?“ Eine Musterlösung gibt es nicht, sagt er. Wichtig sei, die eigenen Ressourcen zu entdecken, sich zu fragen: Wo spüre ich mich? „Jeder hat sein eigenes Tempo, manchmal muss man schnell sein, manchmal langsam. Je mehr Qualität man lebt, desto stärker wird man.“

Augenblicke sammeln in Neuseeland

Es gehe dabei viel um eigene Ansprüche und um Kommunikation. In manchen Unternehmen treffe er auf die Haltung: Wer noch keinen Burnout hatte, der hat noch nicht richtig für seinen Job gebrannt. „Heute gilt: Wer keine Zeit hat, ist wichtig. Und wenn man sich unsere Gesellschaft so anschaut, stellt man fest: Zeit haben nur Rentner, Arbeitslose oder Flüchtlinge.“

Im Alten Rom, sagt Karlheinz Geißler, der das Ganze historisch betrachtet, gingen nur die Sklaven schnell. Jahrtausende lang wurde die Zeit von der Natur und vom Kosmos bestimmt, die Leute orientierten sich mit Sonnenuhren. Dann wurde die mechanische Uhr erfunden. Das war der Wechsel vom Rhythmus der Natur zum Takt des produzierenden Menschen.

„Und jetzt sind die Klöster wieder voll“, stellt Jonas Geißler fest, „oder es treffen sich Menschen im Park zum Nichts-Tun.“ Die produktiven Pausen, die hat die ganze Familie Geißler bewusst gepflegt. Jonas‘ Bruder Tim ist Galerist, Mutter Traute ist Wirtschaftspädagogin, hat sich aber neben dem Haus ihre kleine Kunstwerkstatt eingerichtet, wo sie Bücher und Bilder per Hand druckt. Jeder Buchstabe wird einzeln gesetzt. Von seiner Mutter habe er nicht nur die kreative Ader geerbt, sagt Jonas, sondern auch die Begeisterung fürs Angeln. Auch das braucht Zeit.

„Mein Lieblingsgedicht ist ,Augenblicke‘ von Jorge Luis Borges“, sagt er dann noch. Der Argentinier hat es kurz vor seinem Tod verfasst: „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, . . . würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen. Ich würde nicht so perfekt sein wollen. . . . würde von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen. Und mehr mit Kindern spielen . . .“

Deshalb wird Jonas mit seiner Familie bald ein Jahr in Neuseeland verbringen, auf dem Land, in eine andere Sprache eintauchen, wieder Angeln gehen. Augenblicke sammeln. In Omas Werkstatt hängt eine Karte mit einem Spruch seiner sechsjährigen Tochter Lou: „Die Leute suchen die Zeit, aber sie finden sie nicht, weil sie im Kopf ist, gleich neben den Träumen“.

 

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