Deutschlandfunk Kultur, 24.08.2017

 

Gehetzt? Gestresst? Mal wieder keine Zeit? – Vielen Menschen geht es so, aber nicht Karlheinz Geißler. „Die Zeit ist meine Freundin“, sagt er. Denn Zeit haben wir nicht, wir sind die Zeit.

 

Karlheinz Geißler ist Zeitforscher, trägt keine Uhr und lebt ohne Smartphone.

 

Obwohl wir heute tatsächlich mehr Lebens-Zeit haben (denn wir werden älter als unsere Vorfahren) und obwohl auch die Wochenarbeitszeit abgenommen und damit die Frei-Zeit zugenommen hat – trotz alledem haben heute viele Menschen das Gefühl, sie hätten weniger Zeit als ihre Großeltern. Karlheinz Geißler erklärt das so:

„Das liegt daran, dass wir in einer Wachstumsgesellschaft leben, dass wir ganz viel Zeit in Geld verrechnen, und wenn Sie Zeit in Geld verrechnen, kommen Sie unter Zeitdruck, weil Sie immer mehr Möglichkeiten haben, dieses Leben zu gestalten. Sie haben heutzutage beispielsweise vier verschiedene Möglichkeiten in den Urlaub zu fahren –  Sie können’s mit dem Flugzeug machen, Sie können’s mit dem Auto machen, Sie können – wie auch immer – es mit dem Fahrrad machen, Sie können zu Fuß gehen usw. Diese Möglichkeiten, die müssen Sie entscheiden, und diese Entscheidung kostet wiederum Zeit. Und diese Zeit zur Entscheidung der vielen Möglichkeiten, die macht uns den Zeitdruck. Das ist der Preis der Wahlmöglichkeiten. Der Preis der Freiheit wählen zu können, der setzt uns unter Zeitdruck.“

 

Zwei Stunden im Apfelbaum sitzen

 

Geißler ist kein Aussteiger, bis zu seiner Emeritierung war er Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München; der Gedanke „Zeit ist Geld“ ist ihm also wohl vertraut. Und auf die Segnungen unseres Wirtschaftssystems möchte auch er nicht verzichten. Aber es gehöre auch zu einem guten Leben, dann, wenn es möglich ist, sich dem Zeitfluss zu überlassen und sich der Diktatur der Uhr zu entziehen.

Kann man das lernen? Man kann: „Da muss man sich einfach nur gemütlich unter einen Apfelbaum setzen und zwei Stunden gar nichts tun.“

 

Link zum Nachhören der Sendung (Deutschlandfunk Kultur)