Gespräch mit dem Zeitforscher Karlheinz Geißler
Deutsche Handwerks Zeitung, 22.10.2015

Jedes Jahr die gleiche Prozedur: Im Frühjahr werden die Uhren auf Sommerzeit umgestellt und im Herbst zurück.
Ob das Sinn macht, wollte die Deutsche Handwerks Zeitung von Zeitforscher Karlheinz Geißler wissen.

DHZ: Herr Geißler, freuen Sie sich schon darauf, am 25. Oktober eine Stunde länger schlafen zu dürfen?

Geißler: Was soll das für eine Freude sein, wenn man im Herbst etwas zurückbekommt, das einem im Frühjahr geklaut worden ist? Wenn wir die Sommerzeit einführen und rückgängig machen, manipulieren wir zwar die Uhrzeiger, aber nicht die Zeit. Zeit lässt sich nicht umstellen, schneller machen, sparen oder verschenken. Warum auch? Es gibt genug Zeit, stündlich und täglich kommt neue nach.

DHZ: Sie sind kein Freund der Sommerzeit.

Geißler: Erstmalig wurde die Sommerzeit 1916 eingeführt, 1940 hat sich dann das Hitlerregime an den Zeigern der Uhr zu schaffen gemacht, ebenfalls im Krieg. Und schließlich wurde die Standardzeit infolge der Ölkrise 1973 durch die Sommerzeit unterbrochen. Immer geschah dies in Krisenzeiten und immer mit dem Ziel, Energie zu sparen. Aber welche Krise haben wir heute zu bewältigen? Energieeinsparungen sind nicht belegt. Wir leben ja nicht in einer Dauerkrise, dass wir Jahr für Jahr die Uhr umstellen müssen.

DHZ: In der Wirtschaft hört man immer wieder den Begriff Zeitmanagement. Lässt sich die Zeit überhaupt managen?

Geißler: Nein, Zeit lässt sich nicht managen. Der Mensch kann sich nur selbst managen. Er hat die Zeit nicht, sondern er ist als Sterblicher selbst die Zeit. Die Zeit ist ja kein Gegenstand wie ein Werkzeug, das außerhalb von uns besteht, sondern die Zeit ist in uns drin. Deshalb lautet meine Empfehlung, sich selbst zu leben und nicht die Zeit zu leben.

DHZ: Was bedeutet das für den ­Berufsalltag?

Geißler: Erfolgreich und zufrieden – beides ist ja wichtig – kann nur sein, wer die eigenen Zeiten möglichst wenig verletzt. Es gibt zwei Muster, wie wir Zeit organisieren: Natur steht für Rhythmus und Uhr für Takt. Die Natur ist das menschliche Zeitmaß und die Uhr das technische. Das Fließband gilt als klassisches Beispiel für die Vertaktung von Arbeitsabläufen. Aber dieses Muster wird ja gerade überwunden. Deshalb empfehle ich, stattdessen auf den Rhythmus zu achten, weil das der eigenen Zufriedenheit zugutekommt.

DHZ: Sie spielen auf die Digitalisierung an, die viele Arbeitsabläufe erheblich effizienter macht. Warum wächst bei vielen Menschen trotzdem das Gefühl, unter Zeitdruck zu leiden?

Geißler: Das Gefühl des Zeitdrucks wächst nur dann, wenn das eben besprochene Muster fehlt, nach dem man sein Arbeitsleben organisiert. Aber gerade das Internet ermöglicht es uns ja, dem Rhythmus der Natur zu folgen und dann zu arbeiten, wenn wir am leistungsfähigsten sind. Im Internetzeitalter wird es viel einfacher, wieder dem menschlichen Zeitmaß zu folgen, als uns nach dem von der Uhr vorgegebenen Takt zu richten. Aber wir sind über Jahrhunderte auf diesen Takt hin erzogen worden. Jetzt fällt er plötzlich weg und es wächst das Gefühl des Zeitdrucks.

DHZ: Ihr neuestes Buch, das Sie mit Ihrem Sohn Jonas geschrieben haben, heißt „Time is honey“. Ist der Spruch „Zeit ist Geld“ nicht mehr zeitgemäß?

Geißler: Wir wollten damit deutlich machen, dass Zeit nicht nur Geld ist, sondern dass sie auch ein Nahrungsmittel ist, das uns überlebensfähig macht. Wenn man die Zeit ausschließlich in Geld verrechnet, entgleitet sie uns immer mehr, weil sie weniger an das eigene Leben angekoppelt ist. Wir plädieren stattdessen dafür, die Zeit so zu organisieren, dass sie mit der persönlichen Natur jedes Menschen wieder in Einklang kommt.

DHZ: Wie kann es gelingen, den Abgleich des eigenen Lebens mit dem menschlichen Zeitmaß hinzubekommen, wenn der Mensch seit der Industrialisierung doch gerade nach dem Takt der Uhr erzogen wurde?

Geißler: Die Kinder lernen in der Schule, wie die Uhr geht. Aber sie lernen nicht, dass sie selbst Zeit sind und wie ihre innere, biologische Uhr tickt. Dabei soll die Schule doch auf das Arbeitsleben vorbereiten. Später im Beruf müssen die Kinder und ­Jugendlichen nicht die Uhr reproduzieren, sondern sie müssen vernünftige Arbeitsleistungen einbringen. Dafür benötigen sie einen Bezug zu den ­eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen.

DHZ: Hinkt das gängige Modell der Schule der Entwicklung hinterher?

Geißler: Die Schule wird quasi immer älter. Sie erzieht für eine Gesellschaft, die längst überwunden ist, nämlich für eine Uhrzeitgesellschaft und nicht für eine Smartphonegesellschaft.

DHZ: Ältere Menschen haben oft das Gefühl, die Zeit vergehe viel schneller als während ihrer Jugend. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Geißler: Da gibt es mehrere Gründe. Der eine ist: Ältere haben einfach weniger Zeit zum Leben. Jeder Tag mehr wird sozusagen einer weniger im Leben. Da rennt die Zeit natürlich schneller, wenn das Ende auf einen zukommt. Das andere ist, dass ältere Menschen viel von dem, was sie erleben, schon einmal so oder so ähnlich erlebt haben. Im Gedächtnis bleiben aber immer nur neue Erlebnisse haften. Also ergibt sich viel Leerraum, in dem das Gefühl entsteht, die Zeit rast nur so dahin.

 

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Vita

Deutschlands bekanntester Zeitforscher Karlheinz Geißler lehrte als Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München. Nach seiner Emeritierung 2006 leitete er das Projekt „Ökologie der Zeit“ der Evangelischen Akademie Tutzing und war Mitgründer der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik. Er ist Gründer und Teilhaber des Instituts für Zeitberatung „timesandmore“.

Das Buch „Time is honey“ von Karlheinz Geißler und Jonas Geißler ist im Oekom Verlag erschienen und kostet 17,95 Euro, ISBN-13: 978-3-86581-706-8

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