Karlheinz Geißler im Gespräch mit Rudolf Walter über die Zeiten als Großvater.
Veröffentlicht in „Einfach Leben, Thema Lebensübergänge, 05/2017“

 


Sie sind mehrfacher Großvater. Wieviel Enkelkinder haben Sie denn?

Vier, alles Mädchen, und mit allen haben meine Frau und ich, auch weil wir am gleichen Ort wohnen, einen sehr engen Kontakt. Mit der heute Elfjährigen hatte ich bereits als sie sechs Jahre alt war und der Schuleintritt bevorstand, originelle und kluge Gespräche über die Zeit und übers Älterwerden geführt.

Kann man denn mit Kindern auch über das Alter sprechen?

Selbstverständlich. Älterwerden, das tun Enkelkinder und Großeltern ja beide. Aber sie erleben und besetzen es emotional völlig unterschiedlich. Für Kinder ist das Älterwerden attraktiv, voller Hoffnung, ein Zuwachs von Freiheit und Möglichkeiten. Darüber zu reden und nachzudenken, dass das auch irgendwann einmal umschlägt und man von den Möglichkeiten wieder Abschied nehmen und wieder zu lernen gezwungen wird, abhängig zu sein, tut mir als Großvater gut. Es dient meiner Selbstvergewisserung und der Erinnerung, dass auch ich Zeiten erlebt habe, in denen das Älterwerden einmal etwas Schönes war.

Wie ändert sich das Zeitempfinden im Älterwerden? 

Jeder Tag ist für Kinder einer mehr, für Großeltern hingegen jeder Tag mehr einer weniger. Das Zeitempfinden der Kinder wird durch Erwartungen und Hoffnungen dominiert, das der Großeltern durch Auswählen, Verzichten. Enkelkindern verlangen – z.B. beim Spiel – Wiederholungen (um Sicherheiten zu gewinnen). Wiederholungen nicht als „verlorene“ Zeiten zu sehen, das müssen ältere Menschen wieder lernen. Kinder lehren mich, (wieder) rhythmisch zu leben.

Mit den Enkeln kommt diese Di-mension des Neuen ins Spiel? 

Neu ist vor allem der Unterschied des Umgangs mit den eigenen Kindern und dann mit den Enkelkindern. Die Erziehung eigener Kinder ist zugleich die Einübung in die Elternrolle. Die Großelternrolle muss man nicht einüben, die bekommt man zugewiesen, und die Enkelkinder entscheiden, wie sie ausgeübt wird. Ist man nicht mehr in die anstrengende elterliche Erziehungsverantwortung eingebunden, kann man dem Spiel, dem Treiben der Kinder wie von einer Tribüne herab zuschauen. Man spielt zwar mit, hat aber auch Distanz. Man ist teilnehmender Beobachter mit hohem Betroffenheitsrisiko.

 

Enkel sind das beste Mittel gegen
die Demütigungen des Alters.
Und rezeptfrei!

 

Eine plötzliche Erfahrung: Da war man mitten in seinem Leben und wird übergangslos zum Opa, zur Oma „gemacht“. 

Oh ja, ich war schon leicht geschockt, als mein erstes Enkelkind erstmalig „Opa“ zu mir sagte. In diesem Moment habe ich gespürt, wie wenig im Leben der Mensch doch selbst entscheiden kann. Nicht ich habe entschieden, Opa zu werden, meine Kinder haben das getan. Sie bestimmen, was aus ihren Eltern wird. Das ist eine Kränkung, eine Einschränkung meines Souveränitätsanspruchs. Aber natürlich ist das auch eine schöne, weil eine lebendige Kränkung.

Ist es nicht das: Andere zeigen einem, dass man in der Generationskette nach vorne gerückt ist? Nicht Älterwerden, sondern Altsein – das ist Teil der Botschaft. Darin liegt der Schock: Man ist jetzt einer anderen Kohorte zugehörig. Und näher ans eigene Ende gerückt.

Wir sollten nicht vergessen: Dass Enkel mit Großeltern zu tun haben, ist ja eine historisch junge Entwicklung, die der erfreulicherweise gestiegenen Lebenserwartung zu verdanken ist. Eine Großelterngeneration gibt es ja erst seit 150-200 Jahren. Vorher sind die Menschen meist vor der Geburt ihrer Enkelkinder gestorben. Von den vier Großeltern, die ich hätte haben können, habe ich nur einen Großvater bewusst gekannt. Meine Enkelkinder kennen alle vier Großeltern und noch zwei Urgroßeltern.

„Kränkung“ war das eine. Und was ist das Schöne an der neuen Zuschreibung?

Die andere Perspektive, die zu neuen Erfahrungen führt! Enkelkinder legen den Schalter von Schlussmachen auf Anfangen um. Ich muss, ich darf wieder Fragen beantworten. Kinder stellen viele Fragen („Wann schläft die Zeit eigentlich?“) die mir meine Umgebung wieder fragwürdig macht. Neue Erfahrungen, andere Sichtweisen tun sich auf. Hierdurch erlebe ich das Älterwerden auch als eine Entwicklung nach vorne. Enkelkinder zeigen und demonstrieren zudem, dass das Leben in rhythmischen, eher kreisförmigen Dynamiken, als Wiederholung mit Abweichung, verläuft. Was man glaubte, hinter sich gelassen zu haben, die eigene Kindheit, liegt, in anderer Form, wieder vor einem. Das Kind in einem selbst stellt einem wieder Fragen. Man wird wieder naiv.

Mich hat eine Bemerkung des Holocaustforschers Saul Friedländer sehr berührt, der erzählte, dass er jahrzehntelang keine Gefühle zulassen konnte, sich eingepanzert hat – bis er seinen Enkel spürte: da taute sein Herz auf. Da sei er dem Leben wieder nahegekommen.

Die Enkelkind-Erfahrung heißt in der Tat: Trotz allem, das Leben setzt sich fort, das Leben ist stärker, die Zeit überlebt mich. Das Theater des Lebens macht mit neuer Besetzung weiter. Die Zukunft hat eine Chance, obgleich man durch das neue Leben, das ja zugleich eine neue Lebendigkeit ist, näher ans eigene Ende geschoben wird. Aber Angst wird durch Lebendigkeit überwältigt: ein Trick des Lebens, um uns die Angst vor dem Tod zu nehmen und uns mitzuteilen, mit dem Ende ist es nicht zu Ende. Es setzt sich etwas fort, es bleibt etwas. Die einen schreiben aus diesem Grund Bücher, die anderen versuchen, sich mit politischen Entscheidungen unsterblich zu machen. Enkelkinder sind all diesen Anstrengungen vorzuziehen.

Anfang und Ende des Lebens kommen miteinander in Berührung.

Enkelkinder sind ein Dementi des individuellen Endes. Sie sind die „Fortsetzung im Ende“. Das wurde in den alten Clans und Familiendynastien ganz bewusst auch mit Ritualen und Zeremonien so inszeniert. Inzwischen muss man nicht mehr als Thronfolger geboren werden, um das Ende der Familie zu verhindern, inzwischen ist das Nachfolgen demokratisiert.

Das Wort „Enkel“ stammt ja aus dem althochdeutschen Wort „eninchili“, was übersetzt „der kleine Ahn“ bedeutet. 

Genau, es weist auf den ehemaligen Glauben an eine sippengebundene Wiedergeburt hin. Man erlebt in der Beziehung zu den Kindern aber auch, was an Kindlichem und Kindischem noch in einem selber steckt. Da man keine Erziehungsverantwortung mehr hat, kann man sogar das Anarchisch-spielerische, das Kindische, bei sich selbst aus- und durchbrechen lassen.

Im alten Menschen sind frühere Lebenserfahrungen und Phasen präsent, wieder abrufbar. Vielleicht verstehen sich Kinder und Alte deswegen so gut?

Ja, aber beide haben darüber hinaus auch die gleichen Probleme: Beide müssen gehen lernen. Man muss im Leben zweimal gehen lernen. Zuerst den aufrechten Gang. Und wenn man älter wird, heißt es immer wieder „gehen lernen“: Man muss lernen Abschied zu nehmen, Ablösung von Beruf und Kompetenz, von der Firma, von körperlicher Fitness und von vielen Hoffnungen und Erwartungen – bis hin zum Tod: Beides ist Vorbereitung – das eine auf das Leben, das andere auf den Abschied hin.

 

Auf einmal kann
man sogar das Anarchisch-spielerische, das Kindische, bei
sich selbst aus-
und durchbrechen lassen.

Das ist nicht das einzige. Beide erfahren in diesem Übergang ja auch Freiheit.

Soweit es gesellschaftliche Anforderungen angeht: Kinder (zumindest bis zum Schuleintritt) und alte Menschen (nach ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben) sind von den Tempoimperativen der Gesellschaft entlastet, zumindest teilweise. Die verlangsamten Zeitqualitäten sind für Kinder und ältere Menschen reserviert. Dazwischen tobt der Zeitdruck und bestimmt die Daseinsgestaltung. Und so haben Kleinkinder mit Kinderwagen und Rollatorenschieber die gleichen Probleme: Treppen, zu hohe Bürgersteige und eine zu kurze Ampelschaltung beim Straßenqueren. Das aber ist eine von der Tempogesellschaft erzwungene Solidarität von Enkelkindern und Großeltern, auf die man auch verzichten könnte.

Was übergeben Großeltern ihren Enkeln? Was bieten sie?

Das wichtigste: Großeltern sind Stationen der Flucht. Inmitten all der Anforderungen und Zumutungen, die heutzutage auf Kinder zukommen, stellen Großeltern Fluchtburgen zur Verfügung, geschützte Zeitoasen – zum Spielen, Vorlesen, Erzählen. In diesen Zeitoasen können die Kinder erste Schritte der Ablösung der Distanz von den Eltern ausprobieren. Sie lernen – relativ angstfrei – alternative Lebenskonzepte kennen.

Ihr Tipp: Was kann man denn tun, um gut alt zu sein? 

Sich mit Kindern langweilen! Kein Programm, keine Termine! Kindern und der Zeit zuzuschauen wie sie auf einen zukommen. Wenn Kinder dann klagen: „Mir ist so langweilig“ – sie auffordern: „Lass uns doch gemeinsam langweilen“. Sich mit Kindern wie auf einer Luftmatratze im See beim Wolkenschauen treiben lassen. Merke: Enkelkinder sind das beste Mittel gegen die Demütigungen des Alters – und ohne Rezept zu haben.

 

 

 

 

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