Karlheinz Geißler erklärt, warum Sitzgelegenheiten eine Stadt gemütlicher machen und warum Berliner gefühlt hastiger leben als Münchner

Interview von Marco Wedig

 

Wie beeinflusst eine Stadt das Tempo der Bewohner? Zeitexperte Karlheinz Geißler über einladende Plätze und Warten als Chance.

SZ: Wie gemütlich ist München?

Karlheinz Geißler: Ich bin in diesem Zusammenhang kein großer Freund des Wortes Gemütlichkeit. Ich halte es da mit Karl Kraus: „Gemütlich bin ich selbst.“ Ich würde eher von verschiedenen Zeitformen einer Stadt sprechen. Ich denke, dass eine Stadt eine hohe Lebensqualität hat, wenn sie unterschiedliche Zeitformen zulässt, wenn ich sowohl die Möglichkeit habe, zu rasen als auch zu rasten.

Kann die Stadtplanung darauf Einfluss nehmen?

Aber ja! Unser Zeitgefühl wird durch die Umgebung bestimmt. Jede Straße und jeder Platz hat einen Aufforderungscharakter. Der Odeonsplatz lädt beispielsweise nicht zum Verweilen ein – und das, obwohl sich das Schritttempo normalerweise vor imposanten Gebäuden verlangsamt. Der Odeonsplatz aber sagt mir: „Schnell drüber!“ Durch eine Möblierung des Platzes ließe sich das ändern. Sitzbänke sagen uns zum Beispiel: „Du könntest dich auch hinsetzen.“ Sie ermöglichen es uns, Pause zu machen und zu warten.

Auf einer Bank sitzen und auf den Bus warten – steigert das wirklich meine Lebensqualität?

Wir sollten die Wartezeit als attraktive Zeit betrachten. Zeit, in der man nachdenken oder andere Menschen an der Bushaltestelle kennenlernen kann.

In München gibt es dazu offenbar jede Menge Gelegenheiten. Hier stehen mehr Bänke pro Einwohner als in Berlin, Hamburg oder Köln.

Das war aber nicht immer so. In den Neunzigerjahren konnte man sich fast nirgendwo in der Münchner Innenstadt kostenlos hinsetzen. Wer sich setzen und ausruhen wollte, war zum Konsumieren in einem Café gezwungen. Nur in den innerstädtischen Kirchen musste man kein Geld zahlen, um sich auszuruhen. Das hat sich zum Glück gebessert.

Es heißt ja oft, dass in Berlin viel mehr los sei als in München. Ist das aus der Sicht des Zeitforschers nun gut oder schlecht?

Eine größere Menge an Optionen erzeugt Stress. Wenn ich viele Optionen habe, muss ich Entscheidungen treffen. Und die kosten Kraft. In Berlin fühlen sich daher wohl nur die wohl, die Unruhe wollen. Ich hatte mal ein Angebot, an eine Berliner Uni zu gehen. Aber mir ist die Stadt zu schnell. Das liegt aber auch an den Straßen.

Was haben die Straßen damit zu tun?

Die Berliner Straßen sind sehr breit. Diese Breite macht die Stadt schnell. Daraus ergibt sich die Sehnsucht nach verwinkelten italienischen Innenstädten, die Sehnsucht nach ruhigen Verkehrszonen.

In München gibt es mehr Tempo-30-Zonen, in Hamburg aber dafür mehr Grünflächen. Wie wirkt sich das auf das Zeitgefühl aus?

Der Naturkontakt ist ganz wichtig. Für viele Menschen, die ein Zeitproblem haben, lautet die Lösung, sich wieder nach dem Rhythmus der Natur zu richten. Denn dort ist die Zeit nicht so getaktet wie im urbanen Alltag. Grünflächen helfen uns also, uns mit der Umwelt zu synchronisieren. Dafür kommt man in München schneller aufs Land als in anderen Städten. Schaut man sich zum Beispiel den Frankfurter Raum an, stellt man fest, dass dieser sehr zersiedelt ist.

Es scheint, als ob man in München eine gute Zeit haben könnte. Was ließe sich denn Ihrer Meinung nach trotzdem noch verbessern?

Wenn ich mich in der Innenstadt aufhalte, stelle ich mir zum Beispiel die Frage, ob ich da ständig überwacht werde, ob da überall Kameras installiert sind. Dieses Gefühl lädt nicht gerade zum Verweilen ein. Die Funktion öffentlicher Plätze besteht ja nicht darin, dass man diese nur überquert. Plätze sind dafür da, dass Menschen zusammenkommen. Das müsste von der Stadtplanung mehr berücksichtigt werden.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben.

Ich muss mir die Zeit nicht nehmen, ich habe sie.

 

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