Text 2 unserer vierteiligen Kurz-Text-Reihe,
von Karlheinz Geißler, 02/2017

 

Das Werden und Vergehen – das ist, was wir »Zeit« nennen – zeigt sich im alltäglichen Zeitleben als ein Strauß bunter, vielgestaltiger und abwechslungsreicher Zeitformen und Zeitqualitäten. Es gibt mehr unterschiedliche Zeiten, als unsere Sprache an Begriffen dafür bereitzustellen in der Lage ist. Zeit existiert nur im Plural. Albert Einsteins Relativitätstheorie hat das bestätigt. Was sich da im Alltag als Zeitvielfalt präsentiert und entfaltet, reicht weit über die einfältige und grobkörnige Alternative „langsam“/„schnell“ hinaus. Zwischen High-Speed und Slow-Motion tun sich eine Menge bunter Farbspielereien des Zeitlichen auf. Sollte, wie das ja gerne behauptet wird, die Zeit wirklich einem Fluss gleichen, dann ähnelt sie einem Fließgewässer mit Untiefen, Verwirbelungen, Stromschnellen, einem Strom mit Dämmen, Verästelungen, Schleifen und einer Vielzahl an Seitenarmen. Erheblich einfältiger hingegen stellen sich die herrschende Zeitkultur und die menschengemachte Ordnung des Zeitlichen dar. Geprägt werden diese nicht von den vielfältigen Zeiten des Erlebens, den Erfahrungen und der Natur sondern von der mechanisch hergestellten, qualitätslosen und langweiligen Zeit der Uhr.

Im Herrschaftsbereich der Ökonomie, in den Territorien der Bürokratie, den Büros, in den Maschinenhallen der Produktion und in den Labors, aber auch in den Lebenswelten des Privaten opfert man dem Zeitgötzen „Uhr“. Die übers Ziffernblatt streifenden Zeiger machen Zeitdruck. Sie verknappen die Zeit durch die enge Anbindung ans Geld und sorgen so für ein stressreiches „Eilt sehr!“- Dasein. Die Uhr, der Takt und ihre Zeigerverläufe halten die Zeitgenossen auf Trab, wie die Peitsche des Jockeys das Rennpferd. Uhren produzieren nicht Zeit, sie fabrizieren Zeitnot. Sie stecken die verschiedenen Lebenswelten des Daseins, von der Arbeit bis zur Freizeit, von der Kultur bis zum Sport, vom Bildungs- bis zum Gesundheitsbereich, allesamt in die gleich enge Zeituniform. Die Verwirklichung des Wunsches nach einer bunten, vielfältigen und zeitsatten Existenz verlangt jedoch keine Uhren Einfalt sondern eine lebendige Zeitvielfalt. Wir brauchen nicht nur Stunden, sondern brauchen auch Stündchen, haben nicht nur Termine, sondern auch Augenblicke nötig, benötigen nicht nur Fortschritt, sondern auch Rückschau und Stillstand. Die Stunden werden gezählt, die Stündchen erlebt. Termine werden gemacht, Augenblicke erfahren und genossen. Die Zeiten, die das Leben lebens- und liebenswert machen, sind in
allererster Linie die Zeiten, die nicht gezählt und nicht verplant werden.

Man kennt das Gejammere, hört es täglich mehrmals und stimmt in den Chor der Wehklagenden ein: »Ach, wenn ich doch nur etwas mehr Zeit hätte…« Wirklich? Will man wirklich mehr Zeit? Mehr Zeit für Zahnarztbesuche? Mehr Zeit für die Rumsteherei an zugigen Bahnsteigen beim Warten auf verspätete Züge zu?
Das kann doch nicht sein! Nein, wirklich nicht. Kein Mensch ersehnt sich mehr Zeit um länger im Stau auf der Autobahn stehen zu können, niemand wünscht sich länger als unbedingt notwendig, an der Supermarktkasse anzustehen. Mehr Zeiten fürs Kranksein, längere Zeiten für eine ungeliebte Arbeit, mehr für die Steuererklärung, die Mülltrennung, für den Hausputz – nicht einmal von Masochisten erwartet man solche Wünsche.

Was aber fehlt uns eigentlich, wenn wir, wie so häufig, über zu wenig Zeit klagen? Was haben wir in solchen Situationen eigentlich zu wenig? Was vermissen wir, an was mangelt es uns? Was wünschen wir uns eigentlich, wenn wir uns nach mehr Zeit sehnen? Zeit »pur« kann es nicht sein. Von der gibt es genug, tagtäglich kommt davon neue nach. Sie „liegt jeden Morgen wie ein frisches Hemd auf unserem Bett“ (Walter Benjamin). Es geht bei den Zeitnöten, die der Gegenstand unserer Klagen sind, nicht um ein „Mehr“ an Zeit. Es ist nämlich nicht Zeit die uns fehlt, uns fehlen bestimmte Zeiterfahrungen. Wir beklagen, beschweren wir uns über zu wenig Zeit, den Mangel an besonderen Zeitqualitäten.

Die Klagen über Zeitmangel, das Gejammere über Zeitnöte sind vielmehr Notrufe nach anderen, besseren Zeitqualitäten und zufriedener machenden Zeiterfahrungen. Zeitliches Wohlbefinden, Goethe sprach von „gesteigertem Wohlseyn“, braucht befriedigende Zeitqualitäten und die wiederum brauchen die Distanz zur Uhr und ihrer qualitätslosen Zeitansage. Kurzum: Solange die Gesellschaft und ihre Mitglieder wie gebannt auf die Uhr schauen und ihr Zeitenglück bei den Zeigern suchen, werden die Probleme, die sie mit der Zeit haben, eher größer und die Chancen, die Zeit als Freundin gewinnen zu können, immer geringer.

Den Schlüssel zu einem reichen, einem zufriedenstellenden und bunten Zeitleben findet man nicht dort, wo Zeiger und Ziffernblatt sagen, was die Stunde geschlagen hat. Und auch nicht da, wo die Pünktlichkeitsdressur die Welt in eine der Termine, der Deadlines und der Frühaufsteher verwandelt hat.

Man findet ihn in einer von zeitlicher Vielfalt gekennzeichneten natürlichen Umgebung und sozialen Mitwelt. Ums mehr darüber zu erfahren, empfiehlt es sich bei Johann Gottfried Herder in die Lehre zu gehen. 1799 schrieb dieser in seiner Studie Verstand und Erfahrung, Vernunft und Sprache:

„Eigentlich hat jedes veränderliche Ding das Maß seiner Zeit in sich; dies besteht, wenn auch kein anderes da wäre; keine zwei Dinge der Welt haben dasselbe Maß der Zeit. Mein Pulsschlag, der Schritt oder Flug meiner Gedanken ist kein Zeitmaß für andere; der Lauf des Stromes, das Wachstum eines Baumes ist kein Zeitmesser für alle Ströme, Bäume und Pflanzen. Des Elephanten und der Ephemere (Eintagsfliege) Lebenszeiten sind einander sehr ungleich, und wie verschieden ist das Zeitenmaß in allen Planeten! Es gibt also (man kann es eigentlich und kühn sagen) im Universum zu einer Zeit unzählbar viele Zeiten; die Zeit, die wir uns als das Maß aller denken, ist bloß ein Verhältnismaß unserer Gedanken, wie es bei der Gesamtheit aller Orte einzelner Wesen des Universums jener endlose Raum war. Wie dieser, wird auch seine Genossin, die ungeheure Zeit, das Maß und der Umfang aller Zeiten, ein Wahnbild.“

 

 

 

 

 

 

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