Interview mit Karlheinz Geißler, 29.03.2014

Warum haben wir keine Zeit, obwohl wir sie mit Hilfe der Technik doch angeblich im Überfluss gewinnen? Weshalb haben viele Menschen das Gefühl, dass ihr Leben aus dem Takt ist?
Petra Kistler unterhielt sich mit dem renommierten Zeitforscher Karlheinz Geißler (69) über die immer schneller werdende Gesellschaft.

BZ: Herr Geißler, haben Sie Zeit für ein Interview?
Geißler: Ja.

BZ: Wie schön, meist lautet die Antwort: Ich habe jetzt überhaupt keine Zeit!
Geißler: Wer sagt, er habe keine Zeit, lügt oder ist tot.

BZ: Viele Menschen haben aber das Gefühl, dass ihnen die Zeit davonläuft.
Geißler: Das liegt daran, dass sie die Zeit als etwas wahrnehmen, das außerhalb von ihnen ist. Nicht die Zeit rennt davon, wir rennen davon. Alles, was wir der Zeit antun, tun wir uns selber an.

BZ: Jede neue Technik verspricht, wir würden Zeit damit sparen. Alles Unsinn?
Geißler: Verdient wird an den Versprechen, nicht an der Einlösung. Es muss immer neu versprochen werden, damit die Leute etwas kaufen. Wenn das, was versprochen wird, eingelöst wird, kaufen wir nichts mehr.

BZ: Deshalb plädieren Sie für eine Entschleunigung des Lebens?
Geißler: Nein, ich plädiere für das Enthetzen. Entschleunigen hieße, dass alles langsamer wird. Ich bin nicht der Meinung, dass alles langsamer werden soll, sondern nur das, was zu schnell ist. Ich will nicht, dass der Notarzt mit dem Pferd kommt, denn es ist wichtig, dass er schnell ist.

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